Der Zwiespalt gegen√ľber dem Internet

 

Das Internet ist f√ľr nicht wenige Menschen zu einer Bereicherung geworden. Ich kenne es seit den Neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts und ich bin inzwischen skeptischer gestimmt, besonders im Hinblick auf eine N√ľtzlichkeit, die nicht an den Nerven zehrt oder fragw√ľrdig geworden ist.
In den Gr√ľnderjahren bot sich ein weitgehend rechtsfreier Raum. Und relativ viele User mit verschiedenen sachlichen Interessen, ob physikalischen, philosophischen oder literarischen, tauschten sich aus. Es gab, sieht man von diesen Themenfeldern einmal ab, au√üer den jeweilig genutzen Technologien wie Html und Javaskript, wenig zu beachten. Durch das Interesse von Wirtschaft und Politik konnte es jedoch nicht dabei bleiben.

Inzwischen ist der Bedarf an rechtlichen und nutzerspezifischen Zusatzinformationen größer, als an angebotenen Primärinformationen. Kaum eine Seite ist während eines Surfens anzutreffen, bei der nicht etwas aufklappt, sei es auch nur rudimentär, um auf vergebene Cookies, auf eine Browseralternative mit Html 5, auf einen Newsletter oder sonstigen Pillepalle hinzuweisen. Der Spaß ist dahin.
Und die angebotenen Prim√§rinformationen fallen d√ľrftiger aus, sind, wohin man auch gelangt, auf Massen zugeschnitten, bieten grobe Vereinfachungen, Halbwahrheiten oder nur krudes Zeug. Das Internet entwickelt sich mehr und mehr zu einer leicht dirigierbaren Quatschsph√§re!

 

 

Schenkt den Friedhofswärtern mehr Beachtung!

 

Ist ‚ÄöNeugierde‚Äė in der demographisch belasteten Gesellschaft ein Fremdwort geworden, auch unter jungen Leuten? Im Vordergrund von Gespr√§chen steht zumeist die Verwendbarkeit von angeblichem ‚ÄöWissen‚Äė oder das Erlernen von Techniken, die gemeinhin als ‚Äökreativ‚Äė gelten. Beides ist r√ľckw√§rts gewandt, auf Bekanntes. Falls √ľberhaupt noch Worte ‚ÄöNeues‚Äė fallen, dann lediglich im Zusammenhang mit einem individuellen Kenntnisstand oder im Hinblick auf sogenannte Remixe. Und schnell sollte es gehen, mal eben, ohne lange zu gr√ľbeln.

Sich mit Musik zu besch√§ftigen, ohne eine Ahnung davon zu haben, was Musik ausmachen kann, gleichfalls mit Literatur, ohne einen Schimmer von Sprache zu haben, ist dominant geworden. Der gesellschaftlich ausgebreitete Dilettantismus nimmt die veralteten Konzepte der b√ľrgerlichen Experten nicht einmal zur Kenntnis, schafft aber auch keine neuen, nicht einmal Ans√§tze. Die flache Naivit√§t reicht zur praktischen Orientierung aus, w√§hrend den b√ľrgerlichen Experten kaum anderes √ľbrigbleibt, als ihre k√ľnftigen, zu betorfende Grabst√§tten auszusuchen, die allenfalls Familienangeh√∂rige besuchen werden.

Leben wir in einer weitehend ungenutzen, verlorenen, unterschlagenen Zeit? Eine sich nicht mehr entwickelnde, auf Flachheit wie Sicherheit bedachte Gesellschaft, wäre dem Tod geweiht. Schenkt den Friedhofswärtern mehr Beachtung!

 

 

Ist die deutsche Gesellschaften nicht mehr zukunftsfähig?

 

Meine Kritik an der mangelhaften Ber√ľcksichtigung des in Deutschland weiterhin sehr kleinen E-Book-Marktes kam unter den Marktteilnehmern nicht sehr gut an. Einige m√∂glichen Leser waren von der ge√§u√üerten Idee angetan, dem b√ľrgerlichen Mobilar etwas Relevantes hinzuzuf√ľgen, Engine Hedda vom AutorenVerlag Matern produzierte sogar eine¬†‚Üí Fakewerbung √ľber die ‚ÄěBuchstation‚Äú, die ironisch gehalten war, nicht um zu werben, ein Produkt g√§be es ohnehin nicht, sondern um auf das Problem aufmerksam zu machen.

Auf Facebook kursierte einmal wieder ein Bild von¬†‚Üí ‚ÄěVorsicht Buch‚Äú, einer Kampagne des Deutschen Buchhandels, ein¬†‚Üí Bild, das sich eindeutig gegen digitale Ver√§nderungen auf dem Gesamtmarkt richtet, in dem es die bew√§hrten Drucktechniken betont, eine Unabh√§ngigkeit von Batterien usw., sogar behauptet, ein Buch sei ein ideales Geschenk f√ľr intelligente Menschen. Dass zu einem Buch mehr als nur Technik, Papier und Karton geh√∂ren k√∂nnten, auch Texte, eventuell Bilder oder Grafiken, geht in dem Schema v√∂llig unter, auch dass nur f√ľr relativ wenige B√ľcher so etwas wie Intelligenz gefordert w√§re. Ansprechparter ist laut Website der B√∂rsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. in Frankfurt. Die Kampagne ‚ÄěVorsicht Buch‚Äú bietet vor allem Pappkl√∂tze, Stolpersteine.

Es k√∂nnte verwundern, dass B√ľcher √ľberhaupt noch anbietbar sind, abseits von Games, die als Leitmedium des 21. Jhds. gelten. Doch auch die Teilnehmer dieses Marktes scheinen es aufgrund festgefahrener Anspr√ľche nicht leicht zu haben, wie von¬†‚Üí Christian Huberts in der ZEIT hervorgehoben wird. Ist die deutsche Gesellschaften nicht mehr zukunftsf√§hig?

 

 

Der Flair des Digitalen

 

Dies ist der dritte, ein umf√§nglicherer Beitrag √ľber digitale Produkte, mit besonderer Ber√ľcksichtigung von eBooks. Begonnen hatte die kleine Reihe mit 'Digitale Verirrungen', fortgesetzt wurde sie mit 'Digitale Verwirrungen?', nun wird ein gangbarer Weg gesucht. Bei den¬†‚Üí Ruhrbaronen ist inzwischen eine Gesamt√ľbersicht erschienen, inklusive eines Videolinks.

Der zentrale Unterschied zu den USA, wo eBooks bereits in der Vergangenheit einen Marktanteil von bis zu 22% (2013) erlangen konnten, liegt in der unterschiedlichen Buchhandelsdichte. In den St√§dten der USA an B√ľcher zu kommen, ist weitaus schwieriger als in Deutschland. Offensichtlich bietet sich dort nicht nur das Internet als Bestellm√∂glichkeit an, sondern auch der Kauf von eBooks, weil diese digitalen Produkte einfach √ľber die Datenleitungen zu haben sind, keine Wartezeit entsteht.

Diese unterschiedlichen Bedingungen wurden seit dem Vertrieb von eBooks in Deutschland stets vernachl√§ssigt, obgleich es sich um sogenannte ‚Äöharte Fakten‚Äė handelt, die unabh√§ngig von Geschm√§ckern gelten. Und je st√§rker man versucht, diesen Fakten in der √Ėffentlichkeitsarbeit auszuweichen, um so possenhafter wird sie. Um es separat hervorzuheben: eBooks sind im Rahmen der beobachtbaren Buchhandelsdichte in Deutschland nicht ohne Weiteres konkurrenzf√§hig!

Wenn Verlage, deren Papierprodukte im Handel ausgestellt werden, und auch Buchh√§ndler keinen wirtschaftlichen Grund sehen, sich anders zu orientieren, wird sich in Deutschland auch nichts √§ndern. Niemand kann ernsthaft der alten Buchindustrie alles Schlechte w√ľnschen, die H√§ndler-Konkurrenz ist durch den Onlinehandel ohnehin h√§rter geworden, den eBooks und ihren m√∂glichen K√§ufern fehlt aber ein Image. Zum Vergleich: Regale voller B√ľcher beeindrucken, sie verbreiten ein Flair und weisen den B√ľcherliebhaber als besonderen Menschen aus, unabh√§ngig davon, was und wieviel tats√§chlich gelesen wurde. Regale voller B√ľcher geh√∂ren zum b√ľrgerlichen Mobiliar, wie ein Fernseher und eine Musikanlage.

Bezieht man ein, dass auch technische Ger√§te zum b√ľrgerlichen Flair geh√∂ren, ist es zumindest nicht ausgeschlossen, dass auch elektronische B√ľcher ein b√ľrgerliches Heim finden k√∂nnten. Es w√§re z.B. zu fragen, ob sich nicht Buch- oder Medienstationen einrichten lie√üen, beliebig positionierbar, auch auf einem sehr alten, aufgearbeiteten Sekret√§r, inklusive Verwaltungsprogramm und einem Speicher, der eine √∂ffentliche Bibliothek fassen k√∂nnte. Details w√§ren gesondert zu kl√§ren. Es muss die Menschen wuschig machen k√∂nnen, nach Bedarf auf etwas zuzugreifen, dass durch ein paar Regale nicht erreichbar ist. Und es w√§re erforderlich, dass jeder Besucher z.B. lesen k√∂nnte: ‚ÄöBUCHSTATION‚Äė. - Wow!

 

 

Digitale Verwirrungen?

 

Der Anteil von m√∂glichen Lesern, die in Deutschland eBooks lesen, stagniert seit Jahren auf einem √§u√üerst niedrigen Niveau. Je nach Umfrage lagen die Werte zwischen 4 bis 6 Prozent. √Ąhnlich gestalten sich auch die Ergebnisse der aktuellen Bitkom Umfrage (u.a.) f√ľr den B√∂rsenverein des deutschen Buchhandels, die von diesem am 07. Okt. ver√∂ffentlicht wurden. Diesen geringen Anteil als Basis f√ľr Prognosen zu nehmen, wie und von wem in Zukunft was f√ľr eBooks gelesen werden, w√§re √§u√üerst fahrl√§ssig. Man w√ľrde das Verhalten der verschwindend kleinen Menge als repr√§sentativ f√ľr umf√§nglichere M√§rkte ausgeben, die in Zukunft zu beobachten seien.
Die m√∂glichen Leser digitaler Literatur, wieviel aus einem elektronischen Buch tats√§chlich gelesen wird, bleibt v√∂llig offen, die man weiterhin gleichsam an einer Hand abz√§hlen k√∂nnte, nutzen der Umfrage nach √ľberwiegend Laptops (41%), Smartphones (38%) und E-Reader (33%). Ein Leseger√§t hat sich demnach nicht herausgebildet, auch nicht innerhalb der kleinen Gruppe. Vom Verkauf profitieren konnten bislang vor allem Selfpublisher, die mit ihren Titeln (√ľberwiegend mit Genre-Titeln) in den Ranglisten der Shops weit oben stehen.

Die bisherigen Anstrengungen der Promoter, Vertriebler und Besch√∂niger haben zu nichts gef√ľhrt. Kurz und b√ľndig: Auf dem Markt ereignet sich weiterhin so gut wie nichts.

 

 

Digitale Verirrungen

 

Ist man mit seiner Arbeit in digitalen M√§rkten involviert, gilt ein Smartphone selbstverst√§ndlich als Voraussetzung. Doch wof√ľr? Ich habe nicht einmal ein winziges Mobile. Was sollte ich mit einem sperrigen Smartphone?
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meiner Telefongesellschaft schlugen mir bereits viele Male vor, doch endlich erreichbar zu werden, worauf ich irritiert fragen konnte, ob sie mich nicht erreicht h√§tten? Aber, so gaben mir die Anrufer kund, sie h√§tten fantastische Angebote. Mehr als ein knapp gehaltenes Mitleid brachte ich jedoch nicht √ľber die trockenen Lippen.
Im Rahmen der diesj√§hrigen Frankfurter Buchmesse wurde ein sogenannter Orbanism Space er√∂ffnet, der als Netzwerk der digitalen Communities angek√ľndigt wurde. Weshalb sich Netzwerke in einem Space knubbeln oder verheddern sollten, blieb jedoch v√∂llig unklar. Verbinden Netzwerke, wenigstens die Frage sei gestattet, nicht lange, bisweilen unwegsame Distanzen?
Auf einer der Veranstaltungsank√ľndigungen (Mi., 14.10.2015) ist zu lesen: ‚ÄěJeder hat (mindestens) ein Smartphone und nutzt das Smartphone jederzeit und √ľberall zum Beispiel f√ľr Recherchen, Navigation sowie zum Lesen, Musik h√∂ren und zum Bezahlen √ľber eine eWallet.‚Äú Sorry, k√∂nnte ich antworten, ich lese an einem relativ kleinen Zweiundzwanzig-Zoll-Monitor und werde mir nicht einen grauen oder gr√ľnen Star wegen irgendwelcher lukenhafter Displays zulegen. Um auch Musik h√∂ren zu k√∂nnen, verwende ich ein separates Audiointerface und einen Studio-Kopfh√∂rer. Mit jenem sonderbaren Telefon-Consumer-Teil, h√§tte ich anzumerken, w√ľsste ich nichts, aber auch gar nichts anzufangen.

 

 

‚ÄěM√ľde bin ich, geh zur Ruh‚Äú

 

Europa, so ist √∂ffentlich immer wieder zu vernehmen, leidet an einer intellektuellen M√ľdigkeit. Auch ich sp√ľre eine solche, jedoch als Reaktion auf das √∂ffentliche Verhalten: ein Plaudern um des Plauderns willen, als sozialer Akt, unabh√§ngig von m√∂glichen oder unm√∂glichen Bez√ľgen. Die √∂ffentlich erg√§hnten Schwemmen von Worten ‚ÄöKultur‚Äė und ‚ÄöKreativit√§t‚Äė sind exzessive Beispiele der kognitiven Erlahmung; als ein weiterer Befund lie√üen sich Verlautbarungen von ‚ÄöVernunft‚Äė anf√ľhren, ob in universit√§ren, wirtschaftlichen oder politischen Kontexten. Irritationen begegnet man allenfalls mit Skizzierungen von Bedeutungen, jedoch widerwillig, im Grunde sei das doch alles klar.

Klar erkennbar ist jedoch blo√ü die √∂ffentliche M√ľdigkeit, sich der Sprache zu widmen, die Anlass f√ľr all das mitleiderregende G√§hnen ist. Kindern w√ľrde man anraten, rasch ins Bett zu gehen. Husch husch. Doch wer singt der √Ėffentlichkeit ein angemessenes Lied, eines, das z.B. wie folgt beginnen k√∂nnte?

‚ÄěM√ľde bin ich, geh zur Ruh,
schlie√üe beide √Ąuglein zu.
Vater, lass die Augen dein
uŐąber meinem Bette sein.‚Äú

Unter christlich erzogenen Kindern soll es Variationen des Textes von Luise Hensel (1798 ‚Äď1876) gegeben haben. Besonders beliebt sei gewesen: ‚ÄěVater, lass die H√§nde dein / unter meiner Decke sein.‚Äú Eine vergn√ľgliche Nacht!

 

 

Kein Werber - am wenigsten f√ľr mich selber?

 

Sich verunsichern zu lassen, ist selten angenehm, es fällt leichter, wenn man es thematisiert:

Eine liebe Bekannte, die als freie Unternehmensberaterin arbeitet, sich in ihrer beratenden T√§tigkeit auch als Coach versteht, bat mich, ihr einen Vorschlag zur Textgestaltung f√ľr ihre Website zu machen. Besonders die beratende T√§tigkeit, die ziemlich formell und infohaft beschrieben wurde, sollte emotionaler erl√§utert werden. Nach einigen Wort- und Formulierungseinf√§llen nahm ich das seitenbreite Bild, das einen Blick auf die See und einen Leuchtturm gestattete, als Ansatz f√ľr eine konkrete Ausgestaltung und mailte ihr den Vorschlag. Einige Tage sp√§ter meldete sie sich telefonisch: der Text sei au√üergew√∂hnlich, jedoch werblich nicht nutzbar. Mit Ablehnungen hat man im Leben t√§glich umzugehen, auch und besonders als Texter, meine Frage richtet sich auf etwas anderes: Was hab ich angestellt? Anbei ein Ausschnitt, in dem auf die Liste von Qualit√§tsmerkmalen verzichtet wird:

‚ÄěIm Coaching locke ich Kunden aus verfahrenen Situationen heraus. Es mag verwegen sein, in Untiefen zu geraten, doch falls keine unternehmerische Performance und Entwicklung mehr m√∂glich ist, weil Flachw√§sser und Sandb√§nke die freie Fahrt beschr√§nken, gar bedrohen, sind andere Wege zu finden. Der erste Schritt hat in tiefere Gew√§sser zu f√ľhren, um angemessene Perspektiven er√∂ffnen zu k√∂nnen.
Bereits dieser Schritt erfordert eine aktive Mitwirkung meiner Kunden, denn nur diese kennen die pers√∂nlichen oder marktbedingten Hemmnisse, die aufgetreten sind. Ebenso ben√∂tige ich in einem zweiten Schritt ihre Offenheit, die eigenen St√§rken ergr√ľnden zu wollen und neu auszurichten, damit wieder Fahrt am Wind aufgenommen werden kann.‚Äú

 

 

Stoff f√ľr das fluidale Innenleben

 

Seitdem √ľberwiegend von Kultur oder Kreativwirtschaft die Rede ist, kaum noch von Kunst, sind die K√ľnste in ernster Gefahr. Fehlt es gesellschaftlich an Sensibilit√§t? Sind wir medial verseucht?

Es geh√∂rte zu den Innovationen im Marketing, kaum mehr Produkte, sondern Emotionen und Fantasien anzubieten, Stoff f√ľr das fluidale Innenleben potentieller Kunden! Die Produkte sind zu einer Nebensache geworden, aber die sinnliche Assoziation hat stark genug zu sein, um die Angebote fast unbemerkt zu binden. Ertr√§umbare Ger√ľche f√ľhren viel leichter zu einem Parf√ľmflakon, als eine medial direkte Kundenansprache, die mit den Worten erfolgt: ‚ÄěDas riecht aber gut.‚Äú Bilder, ihre Ausdruckskraft und -f√ľlle, wirken √§hnlich einer Drogeninjektion, direkt und schnell; Wind hat durchs Haar zu streichen, unterst√ľtzt von einer schlanken Hand, der Himmel hat √ľber einem Platz aufzurei√üen, und in der horizontalen Ferne gl√§nzt die weite See. Eine touristische Bekanntheit des eingefangenen Ortes k√∂nnte sich jedoch als st√∂rend erweisen, falls es auf dem Platz auch mal fischig riecht.

Ist das Vertrauen in Bilder eher gering, ob gegen√ľber dem Auftraggeber oder m√∂glichen Kunden, um so heftiger wird von Agenturen aufgetragen, bis die angedeutete Story eventuell in waberndem Kitsch ertrinkt. Es handelt sich keineswegs um eine Frage des Geschmacks, sondern der zumutbaren Sensibilit√§t. Ist sie aus Erfahrung nicht sehr ausgepr√§gt, sind Ambiente und Glamour aufzuwerten, bis die verabreichte Droge die Hirnzellen aufsto√üen kann, damit Himmel werde. - Unter Umst√§nden hat ein eleganter Sensenmann beizufahren, der leicht aus vergangenen Jahrhunderten stammen k√∂nnte, um die Bremswirkung eines modernen Fahrzeugs zu betonen. In diesem Fall ist es der pl√∂tzlich sp√ľrbare Bodenkontakt, der aufatmen l√§sst, auch falls die Knie nachbeben.

Unverkennbar handelt es sich um typische Luxusprodukte, die in der beschriebenen Weise umworben werden. Von √Ėkonomen werden √ľblicherweise auch Kunstprodukte zum Luxus gerechnet, doch die erl√§uterte Marketingmethode kann nur scheitern. In der √Ėkonomie werden Kitsch und Kunst nicht geschieden! In der √Ėkonomie z√§hlt der Erfolg. K√ľnste sind bestenfalls anders. V√∂llig unbekannt.

 

 

Ist Wahrheit logisch möglich?

 

Mit Sprache umzugehen, ist gar nicht leicht. Ich möchte einmal erläutern, wie schwer es sein kann, und zwar anhand eines konkreten sprachphilosophischen Problems:

Die Frage der √úberschrift klingt alles andere als selbstverst√§ndlich. Wird nicht besonders logische Richtigkeit mit Wahrheit assoziiert? Doch auch diese Formulierung hat T√ľcken: Ist Wahrheit blo√ü eine relativ beliebige Assoziation? Wenn logische Richtigkeit in Frage st√ľnde, wof√ľr br√§uchte man den Lautkomplex ‚ÄöWahrheit‚Äė? W√ľrde ‚ÄöWahrheit‚Äė nicht ablenken, von dem, was konkret in Frage stehen k√∂nnte, einer logischen Richtigkeit? Der Lautkomplex ‚ÄöWahrheit‚Äė w√§re einfach √ľberfl√ľssig.
Doch handelt es sich bei ‚ÄöWahrheit‚Äė nicht um einen, ich sage mal renommierten Begriff? Mit ‚ÄöRenommee‚Äė k√§me aber eine soziale Eigenschaft hinzu, die normalerweise Worten nicht zugesprochen wird. Auch ‚ÄöBegriff‚Äė ist bereits bildhaft hochtrabend, denn begriffen habe ich noch gar nichts. Aber ‚ÄöBegriff‚Äė k√∂nnte deutlich machen, dass ‚ÄöWahrheit‚Äė nicht nur mit Richtigkeit assoziiert wird, sondern auch mit Bezug, mit vorliegendem Bezug, denn wie ich bildhaft etwas ergreifen k√∂nnte, w√§re es vielleicht m√∂glich, mich sprachlich auf etwas zu beziehen, √ľber etwas zu sprechen, eine Aussage zu t√§tigen, die unter Umst√§nden wahr sein k√∂nnte. Und tats√§chlich, diese Umst√§nde formal zu fassen, war √ľber Jahrzehnte eine dringliche Aufgabe der Logik und Sprachphilosophie.
Bitte nicht lachen, es war akademisch relevant, festzuhalten, dass der Satz ‚ÄöDer Schnee ist wei√ü‚Äė genau dann wahr sei, wenn der Schnee wei√ü w√§re. Einfacher h√§tte es sein k√∂nnen, schlicht von einem m√∂glicherweise vorliegenden Bezug zu sprechen, denn diese Formulierung k√∂nnte den Sachverhalt konkret fassen, auf ‚ÄöWahrheit‚Äė ist auch in diesem Kontext leicht verzichtbar.

Wer auf Lametta steht, dem wird ‚ÄöWahrheit‚Äė noch gefallen, der h√§tte sich lediglich zu entscheiden, welche Farbe ihm lieber ist, sachlich relevant w√§re der Schmuck hingegen nicht, zumal es nicht um einen Weihnachtsbaum, sondern um Sprache geht. Und vorliegende Bez√ľge gegen logische Richtigkeit auszuspielen, oder umgekehrt, indem man sich f√ľr eine Farbe entscheidet, um nicht in Beliebigkeit zu fallen, w√ľrde eine relative Beliebigkeit in der sprachlichen Auswahl kundtun und z.B. die logische Richtigkeit von ‚ÄöDer Schnee ist wei√ü‚Äė sei genau dann wahr, wenn der Schnee wei√ü w√§re fraglich werden lassen. Warum? ‚ÄöWahr‚Äė w√§re innerhalb des Satzes blo√ü eine relativ beliebige sprachliche Assoziation, obgleich sie eventuell im Rahmen einer Tautologie gleichsam auf logischen F√ľ√üen st√ľnde. Doch nicht einmal eine Tautologie ist auszumachen. Faktisch handelt es sich um formalisierte Kausalrelation, in der es um die sorgsam versteckte Bitte einer Zustimmung geht. Ist der Umstand gegeben, dass Schnee wei√ü ist, dann lie√üe sich wahrheitsgem√§√ü formulieren, der Schnee sei wei√ü. Ich m√ľsste gestehen, dass ich dieser Erl√§uterung nicht zustimmen k√∂nnte! Mich w√ľrde die sprachliche Beliebigkeit st√∂ren.

Abschlie√üend lie√üe sich zwischen Weihnachtsm√§nnern und Philosophen differenzieren, doch damit w√ľrde ich einen Fehler begehen, der schon einmal auftauchte, einer sozialen Relevanz nachsp√ľren wollen, die logisch v√∂llig unerheblich ist.

 

 

Was w√ľnschen Sie?

 

Agenturen entwickeln Vorhaben f√ľr ihre Kunden. Ist man als Texter von Beginn an involviert, bekommt man nicht nur die Planungsphase mit, man sollte sich auch einbringen. Als Au√üenstehender, der hinzugezogen wird, kann es geschehen, dass man so gut wie nichts erf√§hrt.

Es ist eventuell schwer zu glauben, doch es ist gar nicht leicht, herauszubekommen, was die Kunden eines Texters m√∂glicherweise w√ľnschen. Am leichtesten war mir der Umgang mit einem privaten Kunden, der Interesse daran hatte, dass seine Kindheitserfahrungen textlich aufbereitet wurden (siehe unten: ‚ÄěDie Schrift‚Äú). Ihn konnte ich einfach berichten lassen, w√§hrend ich mir mit Stift und Zettel in den H√§nden Notizen machte; aus dem Ge√§u√üerten waren erst Geschichten zusammenzustellen, zu entwickeln.

Werden einem jedoch √ľber eine Werbeagentur Dateien zugemailt, um in einer entstandenen Personalnot zu helfen, mit dem knappen Hinweis, der Kunde, eine Versicherung, h√§tte den Text gerne peppiger, kommt man leicht ins Gr√ľbeln. Das √ľbermitteltete Schriftst√ľck enthielt administrative Informationen, ungelenk formuliert, doch was k√∂nnte der Agenturkunde unter ‚Äöpeppig‚Äė verstehen? Brause, so sch√§tzte ich sein Interesse ein, wollte er nicht verkaufen.

Um mit Sprache arbeiten zu k√∂nnen, sind relativ viele Ausk√ľnfte erforderlich, nicht um m√∂glichst alle zu integrieren, sondern um ausw√§hlen, dem Text eine konkrete Form geben zu k√∂nnen. Zu solchen Informationen geh√∂ren auch die speziellen Anliegen, Erwartungshaltungen, die m√∂gliche Auftraggeber an eine Dienstleistung haben. Dies ist nicht nur f√ľr eine Textentwicklung wichtig: vielleicht ist aus Werbersicht dar√ľber zu sprechen?

Ich betone es zum Schu√ü: Was w√ľnschen Sie?! Und entledigen Sie sich der Scham, einfach draufloszuplappern. Es w√§re fatal, wenn Sie schwiegen!

 

 

Ein ganzes Leben lang?

 

Ein vorsichtiger Blick in die Bloggerwelt, gleichfalls ein Blick zur√ľck, aus Sicht eines Texters.

Mit der technischen Entwicklung von sogenannten Mangagement-Systemen bekam jeder die M√∂glichkeit, sich als Schreiberling auszuprobieren. Eine Motivation er√∂ffnete sich leicht: Hatte man nicht bereits in der Schule Aufs√§tze geschrieben, vielleicht sogar das eine oder andere Gedicht? Und die Mitsch√ľler, hatten die etwa nicht geklascht? Weiterzutragende Meinungen dr√§ngten ohnehin.
Ebenso rasch traten die ersten Experten auf, Lehrerers√§tze, die Stichworte in den entstandenen Bloggerszenen verbreiteten; eines der wichtigsten kursierenden Buzzwords wurde ‚ÄöStorytelling‚Äė.
Es entstand eine √∂ffentliche Schule, in der die lautesten Schreih√§lse dominieren. Eine Story, so l√§sst sich aufschnappen, hat Anfang und Ende, machmal auch einen Verlauf. Und Sprache, daf√ľr gibts den Online-Duden, ein Lesezeichen erleichtert den Suchgriff. Die administrativen Hilfen, die szeneintern angeboten werden, vom In-Themen-Finden bis zu SEO, dienen vor allem einer wachsenden √∂ffentlichen Popularit√§t. Als zentrale Motivation enbl√∂√üt sich, das lokale Ego aufzuplustern, ohne R√ľcksicht auf eine Sache. Ob man sachlich Relevantes anzubieten hat, dar√ľber wird zumindest nicht gespochen.

Ich h√§tte von Beginn an nicht mithalten k√∂nnen. Als wir in der Schule aufgefordert waren, zu Hause einen M√§rchentext √ľber das untergegangene Rungholt weiterzuerz√§hlen, diktierte mir die Fantasie acht Schulheftseiten. Die Ergebnisse der Mitsch√ľler waren sehr viel k√ľrzer. Bis zu drei Seiten, mehr gelang ihnen nicht. Im Unterricht √ľberraschte mich der Deutschlehrer, ein korpulenter √§lterer Herr mit Glatze, dessen Kopf hochrot gl√§nzte, als w√ľrde er jeden Moment platzen k√∂nnen, meinen Text vorlesen zu sollen, doch rasch war Schluss. Nach zwei Seiten ert√∂nte: ‚ÄěDas reicht!‚Äú Diese Reaktion war durchaus typisch. Ein kurzes Kennenlernen: ich selber erinnere mich kaum, wer oder was ich war. Auch mir musste es gereicht haben. Doch Popularit√§t zu erlangen, interessierte mich weiterhin nicht. Ich wollte etwas √ľber die Welt erfahren - und meine Fantasien.

Gerade habe ich eine Vokabel ‚ÄöWelthaltigkeit‚Äė gelesen, obgleich eine Welt in Texten nicht auszumachen ist, sogar dann nicht, wenn √ľber eine erfahrene Welt erz√§hlt wird. Tats√§chlich ist in Texten auffallend viel nichts: Leerr√§ume, sowohl zwischen den Buchstaben als auch innen drin. Und zwischen den Zeilen erst! Die bildliche Rede, die sprachliche Bez√ľge nicht erlaubt, sie als unstatthaft verwirft, macht letztlich Erfahrungen unm√∂glich, lebt nur in der Fantasie, viel umfangreicher, als meine acht Schulheftseiten es je sein konnten, ein ganzes Leben lang!

 

 

Thors Hammer

 

Mich erreichte vor einigen Monaten eine Werbe-Aktion, die mich zunächst sprachlos werden ließ. Erst der Einbezug mythischer Vorstellungen half mir, einige Worte zu finden.

Auf den Massenm√§rkten stellt sich die Frage nach einer unternehmerischen Etablierung in besonderer Weise. Hat man als Auftraggeber nichts anderes als √ľblichen Standard zu bieten, und sind die potentiellen Kunden l√§ngst mehr oder weniger gut bedient, ist auch nicht vorgesehen, f√ľr geringere Kosten eine bessere Dienstleistung zu erbringen, vielleicht k√∂nnte ein Viking helfen?

Diese Idee ist einem Telekommunikationsunternehmen im Ruhrgebiet verkauft worden. Ein Viking l√§sst die Raubz√ľge der Wikinger wieder aufleben, die mit ihren Langbooten bis vor nahezu jede Haust√ľr rudern konnten, √ľber die See, die Fl√ľsse hinauf. Solche handgearbeiteten High-Tech-Ger√§te stehen heute kaum mehr zur Verf√ľgung, aber es gibt andere, einfachere Mittel, um Wege zu m√∂glichen Kunden zu finden. Durch Mailings. Postdienstleister tragen Axt und Schwert bis in jede Stube.

Wichtig ist, konsequent zu sein. Jede Woche ein Besuch. Und der Ton hat allm√§hlich lauter, sch√§rfer zu werden. ‚ÄěWir kontaktieren Sie inzwischen zum dritten Mal. K√∂nnen Sie nicht lesen?‚Äú Bis hin zu: ‚ÄěSie plumper Analphabeth!‚Äú Nat√ľrlich wird, der mythischen √úberzeugung nach, Thors Hammer die Unwilligen letztlich vernichten.

 

 

Kann man Aspekte essen?

 

Sprachkritik zu √§u√üern, ist gesellschaftlich eher unerw√ľnscht, zumal in der erfolgten satirischen Variante. Entweder war der Text den Magazinen, den er 2011 angeboten wurde, f√ľr eine Ver√∂ffentlichung zu unseri√∂s ‚Äď oder zu intellektuell. Erscheinen konnte der Beitrag schlie√ülich 2014 in meinem Buch ‚ÄěWie w√§rs mit einer Revolution? Sarturnalien aus dem Ruhrgebiet‚Äú, als eine methodische Vergewisserung.

Glaubt man zeitgenössischen Sach- und Fachautoren, dann ist die erfassbare Welt voller Aspekte. Sie tauchen als politische, juristische, ökonomische Aspekte, ja sogar als Beziehungsaspekte auf. Offen bleibt jedoch stets, um was es sich handelt. Dieser eklatante Mangel lässt nicht nur an einem fachlichen Niveau der Begriffe zweifeln.

Dem hohen Verbreitungsgrad nach m√ľssten Aspekte sogar in Wohnk√ľchen vorkommen k√∂nnen. Von alters her sind Worte aspectus verb√ľrgt, auch im K√ľchenlatein. Ich liebe gro√üz√ľgige Wohnk√ľchen. Sie laden viel eher zum Verweilen ein, als die Schlafwagenatmosph√§re der Wohnlandschaften. An meinem Tisch kann man bequem aufrecht sitzen, Gem√ľse pulen, Fische filetieren und bei Kaffee oder Tee einfach reden. So √ľber Aspekte, um sie, falls dazu geraten werden kann, anschlie√üend in der Pfanne bruzzeln zu lassen, bevor sie anfangen zu faulen und widerlich zu stinken. Sind das nicht au√üergew√∂hnlich kurze Wege?

Rasch sah ich jedoch die Schwierigkeit, angemessene √úbersetzungen der vielen Worte Aspekt zu finden. Die bezeichneten Sachen, obgleich sie symbolisch in einer gl√§sernen Sch√ľssel gelandet waren, blieben undeutlich, irgendwie ver- oder aufgequollen, so als enthielten sie ein mir unbekanntes Treibmittel. Eine Gestalt h√§tte man nicht in Abrede stellen k√∂nnen, doch irgendeine Gestalt zu haben, sagt wenig, eigentlich gar nichts aus. Mal h√§tte man vielleicht von einem Kriterium sprechen k√∂nnen, mal eventuell von einem Thema oder Unterthema, mal von einem Merkmal oder von einem Haufen von Haufen von Daten, oder so. Die sprachliche Auszeichnung, Aspekt zu sein, passte ganz und gar nicht zu diesem sonderbaren Wust.

In den Achtzigern waren noch Punkte sehr beliebt. Sie h√§tten ‚Äď munkelte ich w√§hrend meines Studiums ‚Äď von den Krawatten oder Kleidern stammen k√∂nnen, oder von den Tapeten der Arbeitszimmer. M√∂glich w√§ren auch halluzinogene Erfahrungen gewesen. Fliegenpilze sollen zu famosen Wahrnehmungen verhelfen k√∂nnen.
Besonders geeignet sind Punkte zur Behauptung von Wahrheiten: Der Punkt ist, dass ... Womit die Nullstelle gef√ľllt wird, ist dann ziemlich egal. Der Punkt ist die Wahrheit! Punkt. Mit Aspekten w√§re ein solches Verhalten hingegen un√ľblich. Auf Wahrheit legt man es nicht so an. Man setzt sie ‚Äď w√ľrde man sich sonst erl√§uterungslos √§u√üern ‚Äď einfach voraus. Handelt es sich nicht um die Demonstration eines aufgekl√§rten Umgangs?

In antiker Zeit hatten Aspekte die Wahrnehmung betroffen, nur sekund√§r auch Wahrgenommenes. Die sich √Ąu√üernden brachten eine besondere Ansicht oder Hinsicht ein. Noch heute ist die Formulierung in dieser Hinsicht gel√§ufig. Ein Fachbegriff wurde jedoch nicht gepr√§gt.
Heute, so ist zu vermuten, wird neben der Wahrheit auch die Wahrnehmung als selbstverständlich vorausgesetzt, also alles, was irgendwie mit wahr buchstäblich zusammenhängt. Eine Gedankenlosigkeit der Sach- und Fachautoren? Und eine neuropsychische Sprachfäule?

Und im Magen erst! Wer k√∂nnte garantieren, dass diese omin√∂se F√§ule nicht zu Reizen f√ľhrt, die au√üer Bl√§hungen ‚Äď in welche Richtungen? ‚Äď auch noch opulente Geschw√ľre und Durchbr√ľche produziert? Einen guten Appetit!

 

 

Politisches Marketing. Ruhr.2010, Duisburg, Loveparade

 

Als es in Duisburg 2010 zur Katastrophe kam, war ich in D√ľsseldorf auf einer Modenschau kleiner Labels; der Designer Treff hatte geladen. Mehr als sich √ľberst√ľrzende Nachrichten waren jedoch nicht zu ergattern. Eine Freundin von mir hatte die Loveparade besuchen wollen. Alle Netze waren √ľberlastet, die Zugverbindungen unterbrochen. Erst am kommenden Tag erfuhr ich, dass sie noch lebte. ‚ąí Der Artikel enstand einige Tage sp√§ter und wurde in der Gazette (Nr. 27/2010) abgedruckt. Das Besondere: der Blick war gar nicht auf die bereits mit der Planung der Veranstaltung v√∂llig √ľberforderte Stadt Duisburg gerichtet.

Marketing ist alles. Auch dann, wenn das Produkt gar nicht vorweisbar ist? Typische Metropolen wie New York, London, Paris haben nicht nur viele Einwohner, sie ziehen nicht blo√ü Wirtschaft, Kultur und Touristen an. Die St√§dte wurden und werden auch gestaltet. Metropolen waren und sind eigenst√§ndige politische R√§ume. Als Metropoleregion gelten hingegen Verflechtungsgebiete mit wenigstens einer Metropole. Typische Beispiele f√ľr solche Regionen sind Tokyo-Yokohama, Berlin-Brandenburg. Im Ruhrgebiet kam man auf die Idee, dass es auch anders geht. Im Vorfeld und Rahmen der Events zur europ√§ischen Kulturhauptstadt ist aus dem Ballungsraum eine Metropole geworden, die auch ohne eigenst√§ndigen politischen Raum auskommt.

Dem Vorgehen gegen√ľber fallen Defizite auf, die dem Bem√ľhen diametral entgegenstehen. Das Ruhrgebiet war in der Zeit von Kohle und Stahl eine hochgradig politisierte Region. Die Mitgliedschaft und das Engagement in einer Partei, nach dem Zweiten Weltkrieg √ľberwiegend in der SPD, geh√∂rte zum Alltag der Menschen. Die Einlussm√∂glichkeiten reichten jedoch nur bis zu den jeweiligen Stadt- und Gemeindegrenzen. Das Leben gestaltete sich prim√§r im Ortsteil. Privater Hort war der Schrebergarten, die Laube. Die Region ist bis heute kein politischer Raum. Eine Identifikation mit dem Ruhrgebiet fehlt. Die Region ist drei verschiedenen Bezirksregierungen zugeordnet, die allesamt au√üerhalb des Ruhrgebiets liegen: in D√ľsseldorf, M√ľnster und Arnsberg. Diese noch aus preu√üischer Zeit (1816) stammenden unterschiedlichen Zust√§ndigkeiten haben eine Metropolenbildung wirksam unterbunden.

2003 formulierten acht Gro√üst√§dte Ziele f√ľr eine Kooperation: im ‚ÄěStadtregionalen Kontrakt‚ÄĚ. Inzwischen gelten diese Ziele als Grundlage aller St√§dte und Gemeinden, die im Regionalverband Ruhr, dem Zweckverband der Kommunen, vertreten sind. Doch beschr√§nken sich diese Vorgaben auf Fl√§chenplanungen und ein Standortmarketing. Seit Herbst 2009 obliegt dem Zweckverband die Koordinierung der Fl√§chennutzungspl√§ne als hoheitliche Aufgabe. F√ľr die Schaffung eines gemeinsamen Regierungsbezirks war und ist bis heute keine Einigung aller Beteiligten zu erzielen, obwohl seit den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts immer wieder dar√ľber diskutiert wurde. Die notwendige Verwaltungsreform betr√§fe nicht nur die Region, sondern ganz Nordrheinwestfalen. Ebenso gibt es derzeit keine Pl√§ne, dem Regionalverband der Kommunen weitere hoheitliche Aufgaben der verschiedenen Bezirksregierungen zukommen zu lassen. Anstatt dem Ruhrgebiet die geeigneten Rahmenbedingungen bereitzustellen, um eine Entwicklung zur Metropole zu erm√∂glichen, eine, die dem gesamten Bundesland neue Impulse geben k√∂nnte, gef√§llt man sich darin, die Region faktisch als Provinz zu erhalten.

Die regionale Moibilit√§t ist r√ľckst√§ndig. Der Nahverkehr, der die √ľberlasteten ‚ÄėStadtautobahnen‚Äô A40 und A42 wirksam entlasten k√∂nnte, l√§sst Fahrten innerhalb des Ruhrgebiets unter Umst√§nden l√§nger dauern als eine Zugfahrt nach Frankfurt. Jede Gro√üstadt hat ihre eigene Verkehrsgesellschaft, die Fahrpl√§ne sind schlecht abgestimmt, nicht blo√ü untereinander, auch mit der Deutschen Bahn. Der Nahverkehr bef√∂rdert nur 11% des regionalen Personenverkehrs. In Berlin sind es gut 25%. W√§hrend der Vorbereitungen zum Jahr der Kulturhauptstadt, eingedenk der erhofften ausw√§rtigen Besucher, sah man sich gen√∂tigt, √ľbergangsweise den Eindruck von regionaler Mobilt√§t vermitteln zu m√ľssen und investierte punktuell in den Nahverkehr. Eine L√∂sung des strukturellen Problems s√§he anders aus. Die zur Verf√ľgung stehenden Verkehrsverbindungen werden den Einwohnern und der regional notwenigen wirtschaftlichen Entwicklung kaum gerecht.

Auch die Wirtschaftsf√∂rderung ist prim√§r lokal angesiedelt. Seit 2007 erg√§nzt eine aus dem Zweckverband entstandene Einrichtung die separaten, in Konkurrenz ausgetragenen Bem√ľhungen der St√§dte und Gemeinden. In dieser Kooperation hat man ‚ÄėKompetenzfelder‚Äô der ans√§ssigen Wirtschaft ausgew√§hlt, sowohl Branchen-Cluster als auch Branchen-Konzentrationen, um die Region im nationalen und internationalen Vergleich zu positionieren. Die Cluster Energie, Logistik und Chemie werden von der ans√§ssigen Gro√üindustrie dominiert. Die Gesundheitswirtschaft besteht prim√§r aus den Kliniken in der Region, die in hoher Konzentration vorzufinden sind. Zus√§tzlich gef√∂rderte Zweige stehen √ľberwiegend in einem direkten Zusammenhang mit den neu entstandenen Technologie- und Wissenschaftszentren. Mit diesem ‚ÄėKompetenzfeldmarketing‚Äô erhofft man sich den Ausbau von Clusterbildungen und ein weiteres Fortschreiten der Konzentrationen. Es ist schon einmal geschehen, dass sich die Wirtschaft im Ruhrgebiet zu sehr an den Gro√übetrieben orientiert hat. Der Mittelstand war schwach und einseitig auf die herrschende Kohle- und Stahlindustrie bezogen, wie in der ‚ÄėRegionalkunde‚Äô des Verbandes betont wird. In einer politischen Diskussion h√§tte die Frage nach dem Mittelstand √∂ffentlich aufgeworfen werden k√∂nnen und auch m√ľssen.

Das Fehlen einer regionalen Politik hat j√ľngst zu einer kaum ermessbaren Katastrophe beigetragen. In Duisburg sind durch die Loveparade vom 24. Juli 2010 einundzwanzig Menschen zu Tode gekommen und √ľber f√ľnfhundert zum Teil schwer verletzt worden. Der Plan, die Loveparade im Jahr der europ√§ischen Kulturhauptstadt und im Zusammenhang mit der Kampagne ‚ÄėMetropole Ruhr‚Äô in Duisburg stattfinden zu lassen, hat zu einem Sicherheitskonzept gef√ľhrt, das den ungeeigneten Bedingungen angepasst worden ist. Sowohl die Ruhr.2010 GmbH, Betreiber der Kampagne ‚ÄėMetropole Ruhr‚Äô, als auch die ehemalige Landesregierung haben auf eine Durchf√ľhrung gedrungen. F√ľr die Sicherheit zu sorgen, lag fraglos bei der Duisburger Genehmigungsbeh√∂rde und dem privaten Veranstalter: Diese Verantwortung ist ihnen nicht zu nehmen. Zu den Rahmenbedingungen der Loveparade geh√∂rte jedoch auch ein von au√üen produziertes Dr√§ngen. Fritz Pleitgen sah sich als Gesch√§ftf√ľhrer der Ruhr.2010 GmbH veranlasst, seine moralische Mitschuld √∂ffentlich (ZDF, 29.07.10) einzugestehen. Eine regionale Planung der Loveparade h√§tte v√∂llig anders verlaufen k√∂nnen: Duisburg w√§re aufgrund der ungeeigneten Bedingungen als Ausrichtungsort kaum in Betracht gezogen worden, unabh√§ngig von einem lokal herrschenden Ehrgeiz. Alternativen h√§tte es in der Region gegeben.

Das Ruhrgebiet ben√∂tigt sowohl f√ľr die weitere Entwicklung als auch zur Vermeidung zuk√ľnftiger Katastrophen einen politischen Raum. Ohne ein gemeinsames politisches Planen und Gestalten w√ľrde die Region ein in sich zerrissener Ballungsraum bleiben, der den gestellten Aufgaben nicht gerecht wird. Die Frage nach einer Metropole ist hingegen nachrangig. Zwei Wege, eine regionale Politik betreiben zu k√∂nnen, sind bislang angedacht worden: 1. Eine Verwaltungsreform, die das gesamte Bundesland betr√§fe, 2. die √úberantwortung von Aufgaben und Ressourcen der verschiedenen Bezirksregierungen auf den Regionalverband. Der zweite Weg ist unter den derzeitigen Bedingungen leichter zu beschreiten. Auf diesem Weg w√§re allerdings zu er√∂rtern, ob die neu zu schaffende politische Institution nicht einer gesonderten politischen Legitimit√§t durch die B√ľrger der Region bedarf. Als Kommunalverband besonderer Art w√§re eine solche M√∂glichkeit durchaus gegeben. Das Versammlungsgremium des Regionalverbandes nennt sich bereits ‚ÄėRuhrparlament‚Äô. Warum nicht ein echtes Parlament entstehen lassen?

 

 

 

Die Schrift

 

Im Ruhrgebiet kann es leicht geschehen, einer t√ľrkisch-kurdischen Vergangenheit √ľber den Weg zu laufen, die √ľberrascht. Aus den Berichten eines Kunden √ľber seine Kindheit im √∂stlichen Anatolien fertigte ich Geschichten f√ľr den privaten Gebrauch an. Ein Beispiel:

Ich blieb nach dem Aufstehen nahe bei der H√ľtte. Mutter wollte mit mir eine Reise in ein Dorf machen, das tiefer im Tal lag. Sie m√ľsse zu einem Mann, der die Geheimnisse des Korans kennen w√ľrde, hatte sie mir am Abend erz√§hlt, und sie k√∂nne mich nicht alleine lassen. Es w√ľrde ein langer Weg sein, sie hatte mich pr√ľfend angeschaut, aber es ginge um meinen Vater, um seine baldige R√ľckkehr in unser Dorf. Da m√ľsse ich stark sein.

Mutter lebte im vierten Sommer ohne Mann, und ich hatte meinen Vater noch gar nicht gesehen. Er war in der fernen Gro√üstadt, um zu arbeiten. Sein Geld habe bislang nicht gereicht, sagte Mutter, wenn ich nach ihm fragte, um in den Wintern in das Dorf zur√ľckzukehren, wie es die anderen M√§nner taten. Und die Nachbarin zischelte mir, wenn sie morgens ihre tr√§gen Kinder aus der H√ľtte gejagt hatte, dass er sein Geld mit W√ľrfeln verspiele.

Der Weg f√ľhrte √ľber Esel- und Ziegenpfade tiefer in das Tal hinein. Drei D√∂rfer mussten wir hinter uns lassen, und ich war stark wie ein Mann, jammerte nicht, wenn andere Leute in unserer N√§he waren.
Das Dorf, in das wir schlie√ülich kamen, war an den Berg gebaut. Von weitem waren die H√ľtten nicht zu erkennen gewesen. Rauch stieg geisterhaft aus den Felsen auf. Erst als ich kleine G√§rten im schmalen Tal sah, hoben sich mir die H√ľtten ab.

Mutter fragte am Dorfeingang nach dem Mann, den sie um Hilfe bitten wollte. Die Frauen schickten uns seitlich einen steilen Pfad hinauf. Wir stiegen und ich dachte, dass uns der dunkle Fels verschlingen w√ľrde, da war endlich die H√ľtte.

Nach der Begr√ľ√üung und einigen Worten, die so leise gesprochen wurden, dass ich sie nicht verstehen konnte, musste ich mich neben die T√ľr setzen. Mutter gab dem Mann eine M√ľnze. Als sich seine Hand nicht schloss, legte sie z√∂gernd eine weitere hinein. Das waren die beiden aus unserem Versteck, die zwei M√ľnzen, die wir hatten. Der Mann wies Mutter an, einige Schritte zur√ľckzugehen und sich auch niederzusetzen. Und sie tat, wie er befohlen hatte.

Der Mann holte den Koran, eine Schale mit Wasser, ein Blatt Papier, einen Stift und postierte sie vor seiner Decke. Dann setzte er sich und sprach mit der Hand auf dem geschlossenen Buch viele, viele Verse. Ich wurde m√ľde. Der Weg war lang gewesen. Und seine Stimme sang monoton. Da griff er pl√∂tzlich nach Blatt und Stift. Er leckte die schwarze Spitze und fuhr mit Schwung √ľber das Blatt.
Nachdem er den Stift beiseite gelegt hatte, hob er das Blatt an und zeigte es uns. Ich sah Zeichen wie sie im Koran standen. Er hatte arabisch geschrieben. Ich kannte niemanden, der das konnte. Nicht einmal der Hodcha aus unserem Dorf, der den Koran zu sprechen lehrte, konnte diese Zeichen schreiben. Und die Zeichen waren rot, rot wie Feuer, der Stift aber grau-schwarz.
Ich wagte kaum zu atmen, kauerte mich zusammen. Da nahm er das Blatt, legte es auf das Wasser der Schale und dr√ľckte es mit dem Zeigefinger hinein. Die Feuerschrift verschwamm, zog rote F√§den im Wasser. Auf dem Blatt waren nur noch Flecken zu sehen. Er zog das Blatt heraus, nahm die Schale und stand auf. Auch Mutter hatte aufzustehen. Sie musste zu ihm hingehen, und er setzte die Schale in ihre H√§nde ab. Da trank sie das Wasser mit den Feuerf√§den, und mir rannte etwas hei√ü, kochend hei√ü durch die Kehle. Ich r√∂chelte, schrie und sprang nach drau√üen, lief und lief hinab zum Dorf.

Mutter, nachdem sie mich am Dorfrand eingefangen hatte, l√§chelte. Sie strich mir √ľber den Kopf. Bald, wenn Allah wolle, bald werde Vater kommen. Und sie schlug mit mir an der Hand den R√ľckweg ein.

 

 

Bauernhof und Zechenbahn

 

pr√§gten meine ersten Lebensjahre. Als Kind habe ich noch Milch mit einer wei√üen Plastikkanne vom Hof geholt. In den offenen Wagons, die zwischen den Feldern an mir vorbeifuhren, lagen verstreut Werkzeuge, geschichtetes Holz oder verdreckte Matratzen. Kaum einer, dem das Ruhrgebiet fremd ist, mag solche Eindr√ľcke glauben.

H√§ufig kommt es mir vor, als sei ich niemals sesshaft geworden. Die W√§nde des B√ľros blieben kahl. Die eingekaufte junge Kunst steht zwischen Schreibtisch und Sekret√§r. Unruhe bef√§llt mich, sobald meine Arbeit auf Kundenwunsch in Routine zu erlahmen droht.
Mein prim√§res Revier ist die Sprache, ihre fl√ľchtigen Gestalten und t√∂nenden Laute. Ein dschungelhaftes Geh√∂lz, das sich kahlgeschlagene Pl√§tze noch zur√ľckholt. Von Spazierg√§ngern nur von au√üen be√§ugt.
Die Vielfalt sprachlichen Ausdrucks, ob als Infotainment, wissenschaftlicher Disput oder in narrativer Form, erfordert ein unablässiges Durchstreifen. Vor Überraschungen ist man niemals gefeit.
Der Claim wird √ľbersch√§tzt! Kann man aus ihm blo√ü den Grad exaltierter Entt√§uschung ablesen: Gegen√ľber dem Produkt und dem sprachlich k√ľmmerlichen Rest.

Ich arbeite redaktionell, in der klassischen Werbung als auch, umgangssprachlich formuliert, schriftstellerisch. Die Vielfalt der Aufgaben wirkt einem möglichen Trott entgegen und bereichert die Ausdrucksmöglichkeit.
Warum soll die F√§higkeit, Geschichten zu erz√§hlen, nicht auch in der Werbung n√ľtzlich sein? Was ist gegen ein Buch zu sagen, das man auch im Hinblick auf potentielle Leser schreibt, nicht blo√ü f√ľr sich? Wem kann eine F√§higkeit zur Analyse schaden, die in der Auseinandersetzung mit der Philosophie, auch der j√ľngeren, gewachsen ist?
Es ließe sich eine leidliche Buchstabenkombination vermeiden, die vorgibt, auf eine unternehmerische Positionierung zu zielen.